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Kolumne - Der "Ekel" vor Videospielen


Autor: Tjark Michael Wewetzer

Kategorie: Kolumnen
Umfang: 2 Seiten


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PSP Artikel vom 11.03.2009



Manchmal kann man während des Unterrichts in der Schule auf ganz interessante Gedanken kommen. Und damit meine ich nicht unbedingt die Überlegungen, die aus purer Langeweile und Desinteresse resultieren und alternative Geschmacksrichtungen von Kaugummi, den Namen des nächsten Haustiers oder den Schwachpunkt eines Endbosses in „Chrono Trigger“ beinhalten, sonder solche, die durch den Unterricht selbst angeregt werden. Soll es ja geben! So haben wir uns in einer Deutsch-Stunde mit der Volksstück-Definition des Autors Ödön von Horváth beschäftigt und diese mit der Dramentheorie des Aristoteles verglichen - klingt nach wüstentrockener Theorie, ist aber fassbarer als die Zellkernteilung der Mitose. Obwohl bei beiden die Ausgangssituation der Wirkung des Dramas auf das Publikum identisch ist, haben sie am Ende einen vollkommen anderen Effekt. Besagter Effekt ist mir dann aber auch in der ständig wieder hervorgeholten „Killerspiel“-Diskussion aufgefallen.

Bevor ich aber zu diesem Teil komme, sollten vielleicht noch die Wirkungen eines Theaterstücks laut Aristoteles und Horváth erläutert werden. In Stücken nach Aristoteles gibt es für das Publikum klare Identifikationsfiguren, mit denen es zwar nicht wirklich viel gemein hat, aber dennoch in der Lage ist, deren Leid, Freude und Wut selber zu erleben. Sie fiebern geradezu mit, erleben die selben Höhen und Tiefen wie ihre Helden auf der Bühne! Auf diese Weise wird das menschliche Bedürfnis nach eben jenen Emotionen befriedigt. Ein Vorgang, der „Katharsis“ genannt wird.

Horváth wiederum geht die Dinge ein wenig anders an. Er ruft nicht irgendwelche volksfremden Charaktere auf den Plan, sondern klare Repräsentanten des Volkes. Diese liefern einerseits eine perfekte Identifikationsmöglichkeit für das Publikum, sehen sie sich doch quasi selbst - genau dieser Umstand führt allerdings zu einem interessanten Effekt. Wenn nun eine Gräueltat im Stück geschieht, also zum Beispiel eine Person einen Konkurrenten tötet, so wird der Zuschauer nicht, wie es bei Aristoteles’ Theorie der Fall ist, die Emotionen direkt miterleben. Nein, im Gegenteil: Er sieht sich selbst auf der Bühne, wie er gerade diese abstoßende Tat begehen will. Plötzlich erlebt das Publikum diesen Mordwillen nicht nur mit, es geht fast schon in den einzelnen von „Ekel“ gepackten Zuschauer selbst über. Genau dieses Gefühl möchte das Publikum aber nicht wahrhaben, es nimmt Abstand vom Geschehen und schaut lediglich zu. Der Mensch möchte mit solch grausamen Taten, die keine klare Gerechtigkeit oder ähnliches verkörpern, nichts zu tun haben. Aus diesem Grund wurden vor der Veröffentlichung von Horváths Gebrauchsanleitung die meisten seiner Stücke als „Ekel erregend“ oder „abscheulich“ empfunden.



So weit zu den relativ alten Modellen von Aristoteles und Horváth. Nur was haben jetzt die bösen, bösen „Killerspiele“ damit zu tun?

Nehmen wir uns erstmal einen durchschnittlichen Film. Hier werden dem Zuschauer eindeutige Identifikationsfiguren aufgetischt. Er kennt sie zwar vor Filmbeginn nicht wirklich, fühlt aber dennoch mit ihnen mit. Warum der verzweifelte Cop den wahnsinnigen Gangster erschossen hat, warum die betrogene Ehefrau weinend in ihrer Couch versinkt… Alles ist für uns nachvollziehbar - bei manchem Kinogänger kullern sogar selber Tränen oder eine euphorische Grundhaltung entsteht! Wie bei der Dramentheorie nach Aristoteles stellt sich ein Katharsis-Effekt ein.

Dem entgegen stellen wir nun mal ein Videospiel, genauer gesagt einen Shooter, da dieses Genre häufiger mit dem Begriff „Killerspiel“ in Verbindung gebracht wird. Die Figur, mit der sich der Spieler zu identifizieren hat, ist vorgegeben. Klar, schließlich leitet er besagten Charakter auch durch die gesamte Geschichte, er nimmt also eine aktive Rolle im Geschehen ein. Der Spieler beeinflusst die Ereignisse, er betätigt den Abzug, er streift durch die Krisengebiete, er legt Bomben. Den normalen Durchschnittskenner, der sich regelmäßig mit Vertretern dieses Genres beschäftigt, kümmert das überhaupt nicht. Warum auch? Es geschieht ja nicht wirklich, alles spielt sich im TV beziehungsweise PC ab, keine Bange... Manche jedoch reagieren darauf anders. Sie übertragen sich selbst vollständig auf die Spielfigur - ihnen kommt es -teils unbewusst- so vor, als würden sie diese Dinge wirklich tun. Und wie auch schon bei Horváths Volksstücken, nimmt diese Gattung Mensch plötzlich mental Abstand. Sie will damit nichts zu tun haben. Sie empfinden eine gewisse Abscheu gegenüber den Ereignissen. Na, kommt euch dieser Effekt bekannt vor?

Und was macht man mit Dingen, die einem nicht passen? Klar, man verbietet sie. Manch „Killerspiel“-Gegner setzt sich kräftig dafür ein, dass das ganze Teufelszeug tunlichst vom Markt zu verbannt wird - teilweise mit Wirkung. Horváth selber hatte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: Seine Stücke wurden nämlich in der Zeit des Nationalsozialismus von den Nazis in Deutschland verboten. Horváth wollte mit den Stücken die Menschen quasi „wachrütteln“, ihnen ihre eigene Grausamkeit, ihre unterbewussten Triebe vor Augen führen... Genau deswegen schien er den Nationalsozialisten wohl ein Dorn im Auge zu sein.

Ich will keineswegs damit aussagen, dass die Anti-„Killerspiel“-Fraktion mit den Nazis auf eine ähnliche Stufe zu stellen sei (dem ist nämlich nicht so). Hingegen möchte ich nur auf diesen Fehler aufmerksam machen, den sie begehen, nur weil sie sich selber vor den Geschehnissen in einem gewalthaltigen Videospiel „ekeln“. Ödön von Horváth ist ein respektierter Autor geworden, sonst würden seine „Geschichten aus dem Wiener Wald“ wahrscheinlich nicht im Schulunterricht Verwendung finden, in dem diese Überlegungen entstanden sind... Und sie ergaben den Rohstoff für diese Kolumne, während sich Geschmacksnuancen in Süßigkeiten für ein solches Format als nutzloser erwiesen!

Früher oder später werden auch die Videospiele ein respektiertes Medium sein. Unabhängig davon, ob es einigen Menschen unheimlich ist, oder nicht.

Dankt dem Deutsch-Unterricht für diesen Geistesblitz: Tjark Michael Wewetzer [Alanar] für PlaystationPortable.de

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